„Identitti“ von Mithu Sanyal

So ein radikales, zeitgemäßes, originelles und sehr witziges Buch! 

Eine Protagonistin, die mit einer vielarmigen teuflischen indischen Rachegöttin spricht. 

Eine indische Professorin, die sich als weiße Mittelschichtsfrau entpuppt und eine afroamerikanische Freundin mit weißer Haut hat, die an einer Pigmentstörung leidet. 

Eine absolut verdrehte Welt präsentiert uns Mithu Sanyal in ihrer faszinierenden Geschichte, wo nichts so ist, wie es scheint und jeder die Deutungshoheit für sich beansprucht. Ich kann schon die Empörung zwitschern hören, wie die omnipräsenten Tweets in dem Buch: macht sie sich etwa lustig über die zunehmende Transitionsbewegung, dekonstruiert sie in großem Stil den Begriff der Rasse, um Rassismus ad absurdum zu führen oder treibt sie die kulturelle Aneignung durch die Fake-Hautfarbe der Dozentin auf die Spitze? Wahrscheinlich tut sie all das gleichzeitig und das ist das wirklich Neue an diesem Buch. Es führt einzelne Ansichten vor, ironisiert sie und dreht sie durch die Mangel intellektueller Spitzfindigkeiten, um das Problem des Rassismus in all seinen Dimensionen zu zeigen. Und das sind viele.

Rasse ist ein soziales Konstrukt, keine Realität sagt diese Professorin, die als Inderin auftritt, aber eine Weiße ist. „Es gibt Menschenrassen so wenig wie es die Rasse von Wasser gibt oder das Geschlecht von Licht.“

Was ist nun von dieser Person zu halten, die Blackfacing betreibt und gleichzeitig als falsche PoC kritische Rassentheorie lehrt. Ist sie nun Rassistin oder Antirassistin? Ist sie womöglich die radikalste Antirassistin von allen?

Sie erzählt von den Weißen, die bei der Sklavenrevolution die Haitianer unterstützten und von der unabhängigen Haitianischen Regierung anschließend offiziell zu Schwarzen ehrenhalber ernannt wurden. Es geht um „Passing“ in alle Richtungen und um Transracial Adoption. Die Professorin und damit die Autorin macht ihre Student*innen, respektive uns Leser*innen auf unterhaltsamste Art und Weise mit der kritischen Rassentheorie bekannt. Lustvoll schlägt sie uns  Begriffe wie Intersektionalität, Subalternität und Whiteness um die Ohren. Und ganz neue Bezeichnungen tauchen auf: happa für halbundhalb, desi für alles aus dem südasiatischen Raum, von Samosa über Musik bis zum Mensch. Das W-Wort wird analog dem N-Wort für Weiße kreiert und wenn das alles zu absurd wird, hilft nur noch „Radikal cuddling“.

Man taumelt durch ihre Welt in „dem funkelnden wunderschönen Licht all der anderen, beständig um sie herum aufploppenden Leuchtürme aus Worten und Konzepten.“

Dazwischen ist ein tiefer Schmerz der jungen Protagonistin Nivedita zu spüren, deren Eltern eine und ein Inder sind. Der Kampf zwischen Weiß und Schwarz tobt in Nivedita selbst. Sie weiß nicht wer sie wirklich ist, trägt in sich in sich widerstreitende Gefühle des Weißseins und des Schwarzweiß. Als sie die Professorin vermeintlich verteidigt, wird ihr auch noch das Schwarzsein abgesprochen. Dem Shit-Storm sei dank. Übrig bleibt der Begriff des Mischlings, Mixed-Race, Mulattin: alles Abwertungen, Ausgrenzungen sowohl durch die Weißen als auch die Schwarzen.

„Nach ihrer durchwachten Nacht war Nivedita so mürbe, dass sie das Gefühl hatte, an den Rändern porös zu werden, sodass die Welt ungehindert in sie eindringen konnte und die Tweets sich anfühlten wie Viren, die ihre zerstörerische Wirkung erst noch entfalten würden.“

Die Anprangerung der Empörungsgesellschaft auf allen Ebenen, auch auf Seiten der schwarzen Community, dürfte provokant sein, ist aber nur konsequent. Deshalb liebe ich dieses Buch, weil die unvermeidlichen Ambivalenzen der Protagonist*innen zu wunderbar politisch inkorrekten Schlagabtauschen führen. Nivedita ist dabei die am wenigsten kämpferische Natur. Ihr an die Seite gestellt wurde ihre unerschrockene Cousine Priti.

Mithu Sanyal provoziert mit dieser Figur der weißen Fake-Professorin bewusst den Widerspruch, „weil seine eigene Verletzung beschreiben zu können ein wichtiger Schritt zur Selbstermächtigung ist“. Zuhören wird großgeschrieben und Selbstironie auch. Die mutige Botschaft lautet: bekämpft euch nicht, das ist albern, kontraproduktiv und irgendwo auch richtig kindisch.

Selbst das Ende des Buches erscheint wie eine Persiflage auf das Happy End von „Tatsächlich Liebe“, in der jedoch ein Körnchen wahrer Hoffnung knirscht.

„Vertragt euch und gebt euch die Hand“ scheint die Autorin gut gelaunt nicht nur den ungleichen Geschwistern im Buch zuzurufen, sondern uns allen, den uneinsichtigen Kindern der Post-Kolonialen Gesellschaft.

Hanserverlag, 2021.

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