„Mädchen, Frau etc.“ von Bernardine Evaristo

Mit Diesem Buch hat die großartige Autorin den Booker-Preis 2019 gewonnen! Schon rein formal ist dieses Buch etwas Besonderes. Ohne Punkte folgt Satz auf Satz, atemlos, fortlaufend. Wie in einer ununterbrochenen direkten Rede wird hier die Geschichte der schwarzen Frau in all ihren Schattierungen mehrstimmig erzählt. Unmittelbar ist die Wirkung, authentisch und sehr persönlich. Sofort ist man drin in diesem Sog, der einen hineinzieht in die Geschichte und einen überschwemmt mit Anekdoten und Biografien und einem nebenbei die Namen des WHO is WHO schwarzer Musiker, Künstler und Intellektueller um die Ohren wirbelt.

Ein intellektuelles Feuerwerk feministischer, antirassistischer Diskussionen eröffnet den Reigen, ausgetragen zwischen Amma, einer linksfeministischen lesbischen Theater-Frau und Mutter von Yazz, ihrer humanistischen hetero-Tochter sowie den vier Freundinnen ihrer Uni-Crew: Hijabtragende Somalierin, arabische Diplomatentochter oder weißes Bauernmädel von einem Hof in den Cotswods. Insgesamt zwölf sehr unterschiedliche Biografien lernen wir in personalisierter Erzähl-Weise kennen.

Dominique, die in eine toxische Beziehung mit einer Amerikanerin gerät und auswandert.

Die Karrierefrau Carole, die versucht, ihre Vergangenheit im Hochhausghetto inclusive Vergewaltigung vergessen zu machen, indem sie sich bestmöglich anpasst.

Ihre Mutter Bummi, die aus Nigeria über Lagos nach England kam, einen sehr guten Mathematikabschluss in der Tasche, und als Putzfrau arbeitet.

Caroles karibischstämmige Schulfreundin LaTisha, die, nachdem sie die Schule geschmissen hat, alleine drei Kinder großzieht und im Supermarkt arbeitet.

Ihre Lehrerin Shirley King und deren Mutter lernen sowie die taffe Kollegin Shirley. Später wird Morgan vorgestellt, die als nichtbinäre Person und Enkelin von Hattie, einer über Neunzigjährigen, deren Hof erben soll, um dort eine Genderfreie Community zu gründen. Sie lernt bei der Premierenfeier von Ammas Stück wiederum Yazz kennen und so schließt sich der Kreis.

Ich mochte diesen lesenswerten Episoden-Roman von Evaristo sehr. Diversity in literarischer Bestform, die die bunte Heterogenität einer Gruppe schwarzer Frauen zeigt, wo Weiße immer nur die Hautfarbe sehen. Evaristo zeigt differenziert und mit Humor, dass allgemeine Zuschreibungen oder Vorurteile Unsinn sind, wenn man die Menschen auf ihre Individualität herunterbricht, auf ihre einzigartige Biografie, statt auf das Äußere Erscheinungsbild. Dass eine Person aus der Gesamtheit ihrer Erfahrungen, Verletzungen, Träume und Werte besteht, die gemeinsam mit Ethnizität, Geschlecht oder sexueller Orientierung erst den Menschen aus ihr macht, der sie ist.

Ein ergreifendes und äußerst gelungenes Wechselspiel der unterschiedlichen Schattierungen von Queerness und Hautfarbe.

Aus dem Englischen von Tanja Handels, Tropenverlag 2021.

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