Aphra Behn Werkausgabe

Aphra Behn (1640-1689), die erste Frau, die vom Schreiben lebte, die Referenz-Figur in Virginia Woolfs „Ein Zimmer für sich allein“, war  ganz offensichtlich eine schillernde Person des siebzehnten Jahrhunderts. Sie arbeitete als Spionin für Charles II., verbrachte kurze Zeit im Gefängnis, bevor sie zu einer der wichtigsten Autorinnen ihrer Zeit wurde. Anders als Jane Austen, die Bronté-Schwestern oder George Eliot veröffentlichte sie unter ihrem Klarnamen und ihre Theaterstücke erfreuten sich großer Beliebtheit. In ihren Gedichten und Romanen ging es teilweise recht unkonventionell zu.

„Ich lehne es ab, meine Zunge im Zaum zu halten“ 

Dieser erste Band einer gerade im Aviva-Verlag erschienenen Werkausgabe, die allerdings nicht vollständig ist, enthält beispielsweise ihren Kurzroman „Oroonoko oder der königliche Sklave“, in dem erstmals in der europäischen Literatur eine Schwarze Hauptperson agiert und die Autorin – ungewöhnlich für ihre Zeit – kritisch Stellung zu Kolonisierung und Sklavenhaltung bezieht. 

Der Kurzroman „Die schöne Scheinheilige“ zeichnet die Verliebtheiten und Verderbtheiten der Edelhure Miranda, die in ihrer Ablehnung der Ehe äußerst modern und einer Meinung mit der früh verwitweten Autorin erscheint, die selbst nicht wieder heiratete, um selbstbestimmt und frei zu sein.

„Die Veranlagung ihres Herzens, sich niemals nur an einen Mann binden zu können, war ihr durchaus bewusst, und vernünftigerweise  ging sie dem Wirrwarr und den ganzen Unannehmlichkeiten, die sie, wie sie glaubte, in einem Eheleben zu erwarten hatte, entsprechend aus dem Weg – einem Leben, das sie, gänzlich wider ihre Natur, dazu verpflichten würde, sich allein den Umarmungen eines einzelnen hinzugeben, wo doch ihr Sinn danach stand, all jene zu lieben, die jung und lebenslustig waren.“ 

Spannend für mich war auch zu entdecken, dass Aphra Behn als Pionierin des Genres des noch heute sehr populären Briefromans gilt und damit eine Vorläuferin von Cecelia Ahern und Daniel Glattauer ist.

„Fliegen sollst du“ Gedichte und Dramen

Im blauen Band der Aphra-Behn Werkausgabe haben mir vor allem die Gedichte gefallen. Ebenso wie ihre erfolgreichen Theaterstücke „Der Freibeuter oder der verbannte Adel“ und „Der Herrscher des Mondes – Eine Farce“ spielen sie mit Geschlechterrollen und Gendertrouble.

Zunächst tragen einige Gedichte schon recht gewagte Titel: „Darüber, wie sie zwei auf einmal liebte“ zum Beispiel, über eine polyamore Frau. Noch moderner geht es im Gedicht „An die schöne Clarinda“ zu. Hier wird die körperliche Liebe mit einer non binären Person oder Hermaphrodit beschrieben.

„Wann immer dein männlicher Anteil sich hervorkehrt, Wann er bittet, Führst in Versuchung du uns mit dem Abbild eines Mädchens,(…)“

In „Die Enttäuschung“ widmet sie sich in vierzehn (!) Strophen einem unbefriedigenden Liebesspiel, einem ausgebliebenen Orgasmus. Und das im siebzehnten Jahrhundert!

Während Jane Austens Heldinnen artige Briefbillets schreiben, geht es bei Aphra Behn heiß her, beschreibt sie explizites Liebesspiel und dessen Scheitern: „Der Unempfindliche hing schlaff in seiner Hand“.

Zudem bemüht sie originelle Perspektiven. Ein Wacholderbaum legt beispielsweise Zeugnis davon ab, wie es unter seinem Dach zu mehrfachen sexuellen Höhenflügen am selben Nachmittag kommt.

„Ich sah das Nahen ihrer Wonnen, er wurde heftiger und wilder, sie weniger scheu, ich sah, wie schmelzende Lichtstrahlen sie vermischten und Liebe tauschten auf unzähligen Wegen.“

Auch beklagt sie die Ungleichheit und Benachteiligung der Frauen in klassischer Erziehung:

„Bis heute, jetzt, verflucht meine Geburt ich und Erziehung, und mehr noch jene dürftige Gewohnheit unseres Volkes: Dem weiblichen Geschlecht nicht zu gestatten, einzuschlagen die mächt`gen Pfade hochgebildet` toter Helden.“

Für mich eine überraschende Entdeckung, wie sich aus diesen klassischen Zeilen eine unkonventionelle, selbstbewusste weibliche Stimme erhebt. Literaturhistorisch Und für alle, die Klassiker lieben eine empfehlenswerte Sammlung ihrer sehr unterschiedlichen und abwechslungsreichen Schriften!

Aus dem Englischen und mit einem Vorwort versehenen von Tobias Schwartz, Aviva 2021

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