„Wir sind dieser Staub“ von Elizabeth Wetmore

Was einer Vierzehnjährigen widerfährt, die im Texas der Siebziger Jahren zu einem Unbekannten ins Auto steigt und auf die einsamen Ölfelder fährt, bekommen wir gleich zu Anfang dieses Buches von der Autorin in beinahe poetischer Sprache  erzählt:

„Eine Wachtel ruft. Es klingt, als sänge sie ihren Namen, und das Geräusch hebelt ganz sanft den Tag auf.“

Die mexikanischstämmige Gloria schleppt sich nach dem Überfall auf die Ranch der jungen Mutter Mary-Rose, die hochschwanger mit Kleinkind allein zu Hause ist, aber weiß, wie man ein Gewehr bedient und nicht zögert, es auf den Fremden zu richten, der in seinem dreckigen Pick-Up kommt, um die einzige Zeugin und Opfer seiner Schandtat zu holen. Dieser Vorfall verändert das Leben der beiden Frauen von Grund auf und als Mary-Rose sich entscheidet, gegen den Täter auszusagen, wird sie von Stund an bedroht.

Multiperspektivisch wird hier die Minderwertigkeit von Frauenleben sichtbar gemacht. Die Männer werden in den Ölfeldern verheizt und  sterben an Unfällen, die Frauen sind Freiwild und sterben, wenn (ihre) Männer sie umbringen. Nur wenigen gelingt die Flucht. Rassismus gegenüber den mexikanischen Hilfarbeitern und Klassismus rieselt neben Misogynie und Sexismus wie knirschender Steppenstaub zwischen den Seiten dieses Buches hervor.

Abwechselnd kommen neben Gloria und Mary-Rose auch die verwitwete Corinne, die gegen die Einsamkeit kämpft, die vernachlässigte kleine Deborah Ann und deren Mutter Ginny, die eines Tages plötzlich verschwand, zu Wort. Aus unbekannten Nachbarinnen werden Verbündete und erst nach Monaten kommt es im sengenden August, in dem sich die Gemüter ebenso gefährlich erhitzen wie die Autokarosserien, zum Prozess.

Doch die Art der Autorin, diese Geschichte zu erzählen, ihre wunderbare Sprache, die unaufdringlichen Bilder und die streckenweise sehr poetische Erzählweise machen dieses Buch trotz der schweren Problematik zu einem besonderen Leseerlebnis an Solidarität und Literatur.

„Wenn ich von Literatur spreche, meine ich auch Gedichte und Lieder, sagte sie zu den gequälten Seelen, ich meine auch das Vogelgezwitscher und den Wind in den Bäumen. Ich meine Zeter und Mordio, Ruf und Antwort und die Stille dazwischen. Ich meine Erinnerung.“

Aus dem amerikanischen Englisch von Eva Bonné, Eichborn 2021

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