„Der Nachtwächter“ von Louise Erdrich

Louise Erdrich gelingt es auf sensationelle Weise, die Geschichte der amerikanischen Ureinwohner zu formulieren, ohne melodramatisch zu werden oder eine Heldensaga zu verfassen. Sie lässt Internatsgeschichten, Alkoholismus im Reservat, den systematischen Missbrauch an indigenen Frauen anklingen, ohne sensationslüstern Einzelheiten auszubreiten. Ganz im Gegenteil.

Mit liebevollen Details wie beispielsweise einem Wiegenbrett aus dem Holz des Lebensbaums lässt sie das Leben ihres Großvaters Thomas „Bisamratte“ in einem Reservat in den Fünfziger Jahren, sowie seiner Familie und ihren von Ritualen der Armut und des magischen Wissens der Vorfahren durchzogenen Alltag vor unseren Augen erstehen. Sie beschreibt die intuitive Liebe zu Land und Natur und wie durch die allmählich einsickernde Erkenntnis, dass die Indianer „terminiert“ werden sollen, erst Angst und dann Entschlossenheit in Thomas ersteht.

„Wir alle sollten unsichtbar gemacht werden, als wären wir nie gewesen, als wären wir nicht von Anbeginn hier.“

Er ist Stammesvertreter und arbeitet als Nachtwächter in einer Fabrik, als er beginnt, sich mit Hilfe einer jungen Studienabsolventin sowie der Unterstützung seiner Freunde und aller Reservatsbewohner gegen die Pläne der religiösen Umerziehung, Enteignung und Umsiedelung zu wehren.

„Die Bibel war voller Zauber und Poesie, aber auch voller Lügenmärchen. So fesselnd Thomas sie auch fand –  letzten Endes waren es bloß Geschichten. Sie bedeuteten ihm nicht so viel wie die Erzählungen von der Himmelsfrau, den Geistern der Schöpfung oder über Nanabozho (…) ein mythischer Schelm…“

Parallel wird das Leben von Patrice geschildert, seiner jungen Verwandten, die in derselben Fabrik als Feinarbeiterin arbeitet. Ihre Schwester Vera wird vermisst und sie reist nach Minneapolis, wo sie doch nur ihr Baby findet. Unerfahren wie sie ist, bekommt Patrice eine Ahnung davon, was an Prostitution, Missbrauch und Gewalt ihrer Schwester widerfahren sein könnte. Sie selbst, die Holz hackt wie ein Mann, beginnt gerade erst, sich für die Liebe zu interessieren. Ein Weißer, der als Lehrer und Boxtrainer im Reservat arbeitet, stellt ihr nach, von ihrer Exotik geradezu besessen, doch sie weiß, sich zu entziehen.

„Manchmal fühlte sich Patrice, als wäre sie auf einen Rahmen gespannt, wie ein Hautzelt. Sie versuchte zu vergessen, wie leicht sie fortgeweht werden konnte.“

Alltäglicher Rassismus sowie Ausbeutung gehen wie nebenher in diese poetisch erzählte Geschichte mit ein. Aber Louise Erdrich verweilt nie bei der Demütigung. Sie zeichnet ihre Vorfahren als kraftvoll, selbstbewusst und gutmütig und durchaus imstande, für ihre Rechte einzutreten. Es geht ihr um die inneren Stimmen, die indigene Perspektive auf das große Unrecht, den anderen Blick, der immer auch die Geister der Tiere und der Verstorbenen im Sichtfeld hat.

Damit schafft sie eine wunderbar atmosphärisch dichte Erzählung, die durch die zahlreichen Perspektivwechsel abwechslungsreich, fesselnd, unterhaltsam und gleichzeitig lehrreich ausfällt.

„Von dort sah er am Ende der Welt die Büffel über den Horizont kommen. In einer einzigen ungebrochenen Reihe des Daseins zogen sie an ihm vorüber und verschwanden am anderen Ende der Welt wieder außer Sicht. Das war Zeit. Alles geschah zugleich und der kleine goldene Geist summte hin und her, auf und ab durch das heilige Element.“

Extrem lesenswert und zurecht der Pulitzer-Preisträger 2021!

Aus dem amerikanischen von Gesine Schröder, Aufbau 2021

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