„In Flammen“ von Megha Majumdar

Ein spannender, auf lakonische Art äußerst brutaler Roman, der im modernen Indien spielt und doch eine geradezu mittelalterliche Geschichte erzählt.

Ihr geliebtes Handy hat die junge Jivan dazu verführt, einen regierungskritischen Post auf Face-Book zu veröffentlichen. Sie lebt mit ihren Eltern im Slum und ist stolz darauf, eine Anstellung in einem Bekleidungsgeschäft und eignes Geld zu haben. Das Leben liegt so glatt und glänzend vor ihr, wie ihr Handy-Display, als es zu einem terroristischen Anschlag auf einen Zug kommt. Hunderte unschuldige Pendler verbrennen dabei und Jivan, auf dem Weg, um einer Hijra Englischunterricht zu geben, wird aufgrund ihrer kritischen Internetbemerkungen verhaftet, da die wahren Täter fliehen konnten.

Die Hijra nennt sich Loveley und wuchs als Junge auf, bis sie im Alter von dreizehn Jahren als Frau leben wollte und vor der Verurteilung der Familie flüchtete. Sie träumt davon, ein Bollywood-Star zu werden und gibt jede Rupie, die sie durch Segnungen auf Hochzeiten, Taufen oder in Zügen verdient, für einen mittelmäßigen Schauspielunterricht aus.

Die dritte Person ist PT Sir, der ehemalige Sportlehrer von Jivan, der sich in der  rechtskonservativen Partei der Politikerin Bimala Pal durch Falschaussagen im Gericht unersetzbar macht und es später sogar bis zum Erziehungsminister bringt.

Jivan sitzt nun im Gefängnis und schildert ihren Alltag und ihre Hoffnung, durch die Aussagen von Familie, Lehrer und Schülerin Loveley, die ihre Unschuld bezeugen können, gerettet zu werden. Doch das Leben im modernen Indien ist hart, die Menschen sind schnell aufgebracht und eine junge Muslima wie Jivan wird sofort als Terroristin identifiziert. Ein Journalist verdreht ihre Lebensgeschichte und obwohl Loveley in der Verhandlung zu ihren Gunsten aussagt, kann nur noch ein Gnadengesuch sie retten.

Doch dazu kommt es gar nicht erst. PT Sir  unterschlägt das Gesuch und Loveley setzt sich nicht weiter für sie ein, da ihr Auftritt vor Gericht sie in die Internetcharts katapultierte und die ersehnte Filmrolle winkt. Die einzigen beiden Verbündeten sind also gerade dabei, aus dem dreckigen Staub der Armut aufzusteigen,  und opfern das junge Mädchen auf dem Altar ihres vermeintlichen Erfolgs.

Das ganze mutet an wie eine Hexenverfolgung mit Schauprozess und Hinrichtung, um das Gesicht der Regierenden zu wahren und der Bevölkerung eine Schuldige zu präsentieren. Und das Internet spielt, sowohl beim Fall Jivans als auch beim Aufstieg Loveleys, die gefährlichste und machtvollste Rolle.

So schafft es die Autorin, die alte Misogynie im modernen Indien beklemmend aktuell darzustellen. Ein Buch, das durch Schilderungen beiläufiger Grausamkeit, von Korruption, ländlichen Lynchmobs und moralischer Erpressbarkeit der Ärmsten ein beängstigendes Bild Indiens malt, in dem eine Frau nur eines sein kann, wenn nicht das unschuldige Opfer: Täterin.

Ein durch und durch gut lesbares, in schnellen Perspektivenwechsel unterhaltsames und dennoch beunruhigendes Buch!

Aus dem Englischen von Ivonne Eglinger, Piper 2021

2 Kommentare zu „„In Flammen“ von Megha Majumdar

  1. Hey Kate,

    „In Flammen“ hört sich von den Themen her richtig spannend und gut an! Gibt es denn ein Happy End zumindest für manche Figuren oder bleibt die Handlung bis zum Ende so düster?

    Liebe Grüße,
    Nico

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