„Mai heißt Wasser“ von Kayo Mpoyi

Ich liebe kisuaheli, aber ich kannte bisher keine Autorin aus Zaire. Tataa! Das hat sich geändert:   Kayo Mpoyi, die in Kinshasa geboren wurde, lebt zwar seit ihrem 10.Lebensjahr in Schweden und hat mit diesem Debüt gleich einen wichtigen Schwedischen Literaturpreis gewonnen. Zurecht, wie ich finde. Die eingestreuten Swahili-Worte erzeugten einen Nachhall der Erinnerung in mir und diese Familiengeschichte, die von der kleinen Ada erzählt wird und vor dem Hintergrund der beginnenden Bürgerkriege in Zaire spielt, konnte mich fesseln und berühren:

Ada lebt Anfang der Neunziger Jahre mit ihrem Vater, der bei der zairischen Botschaft in Daressalam arbeitet, ihrer Mutter, ihrer tanzenden älteren Schwester Dinah und der kleinen Mai in Tansania, während in Zaire die Unruhen ausbrechen. Zwei ihrer erwachsenen Geschwister, die in Kinshasa leben, kommen deshalb zu ihnen nach Daressalam, doch der strenge, gläubige Vater schikaniert seine Kinder, damit aus ihnen etwas Besseres wird. Als die vierzehnjährige Dinah schwanger wird, reißt sie mit den beiden großen nach Südafrika aus. Ada und Mai bleiben mit der traurigen Mutter und dem strengen Vater zurück. Ada fühlt sich durch Gott beobachtet, für sie ein Junge mit dicker Brille und Aktenkoffer, der sie auf Schritt und Tritt begleitet und den nur sie sehen kann. Zudem stellt ihr der pädophile Nachbar nach und vor lauter Empörung über die unsittliche, gefallene Dinah sehen die Eltern nicht, was mit der jüngeren Ada direkt vor ihrer Nase geschieht.

Der Autorin gelingt es in diesem Entwicklungsroman, der in eingeschobenen Erzählungen auch von Ahnen und Geistern berichtet, durch kindliche Perspektive und poetische Sprache die Wucht und Grausamkeit des Inhalts abzuschwächen. Denn die kleine Erzählerin scheint einerseits naiv und andrerseits gut im Verdrängen und unzuverlässig im Erzählen zu sein. Teilweise kann das Verwirrung stiften und ohne die Ahnentafel wäre man bei den zahlreichen Zeitsprüngen und Familienmitgliedern schnell aufgeschmissen. Dennoch setzt sich nach und nach das Bild einer zerrissenen Großfamilie zusammen, die im Exil um ihr Überleben kämpft, während Zaire im Bürgerkrieg versinkt. 

Dass dabei das koloniale Erbe der Belgier und Differenzen der verschiedenen Ethnien in innerfamiliäre Konflikte und eine wilde Mischung aus christlichem und schamanistischem Geister-Glauben münden, die metaphorisch die komplexe Situation des Landes illustrieren, ist mehr als gelungen.

Aus dem Schwedischen von Elke Ranzinger, Culturbooks 2021

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