„Rahel Varnhagen. Lebensbild einer Salonière“ von Dorothee Nolte

Ein kleines, feines Büchlein über die faszinierende Frau, die „das Leben auf sich regnen“ ließ: Rahel Varnhagen (1771-1833), geb. Levin, führte bereits im Elternhaus einen Salon in Berlin, als es diesen Begriff noch nicht einmal gab. Sie traf Schiller und Goethe, Fürst Pückler, Humboldt und Jean Paul und wurde von den zeitgenössischen Künstlern und Intellektuellen – überwiegend männlichen- sehr geschätzt. Sie war spritzig, witzig und eloquent, nur eines war sie nicht und beklagte es mit reichlich Selbstironie: hübsch.

Als Jüdin blieb ihr die Heirat mit ihrer großen Liebe Karl Graf Finck von Finckenstein verwehrt. Sie lehnte den orthodoxen jüdischen Glauben ab und fühlte sich stets als Paria, was dazu führte, dass sie sich und ihre Eltern als „Familie Roberts“ bezeichnete, da Levin zu jüdisch klang und sich später in ihrem Leben taufen ließ. Nach dieser schweren Liebesenttäuschung lebte sie 1800 einige Monate in Paris, wohin sie mit ihrer Freundin Gräfin von Schlabrendorf ging, die gern Hosen trug und dort ein uneheliches Kind bekam. Niemals hätte Rahel Varnhagen dies kritisiert. Sie hatte selbst zahlreiche unglückliche Liebschaften, bis sie mit 43 Jahren den 14 Jahre jüngeren Varnhagen heiratete.

Im Rahmen einer Stadtbesichtigung starten wir mit der Autorin Dorothee Nolte an Rahel Levins Geburtsort in der Spandauerstrasse und enden am Grab auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof in Berlin. Dazwischen lernen wir die Varnhagen in unterhaltsamen Anekdoten und Zitaten aus ihrer Feder oder der ihrer berühmten Zeitgenossen kennen. Dabei wird auch ihre leicht überhebliche Art, ihre teilweise recht böse Zunge und hin und wieder ein Hang zum Selbstmitleid offenbar. Doch die neugierige Offenheit, Schlagfertigkeit und ihre vorurteilsfreie Wissbegier machen sie zu einer der bemerkenswertesten und emanzipiertesten Frauen-Figuren ihrer Epoche.

Eine leichtfüßige Einführung in das Leben von Rahel Varnhagen, deren Esprit in 6000 erhaltenen Briefen  schimmert, und die auch von Hannah Arendt und Carola Stern porträtiert wurde. Für ein erstes Kennenlernen sehr zu empfehlen, im Anhang mit zahlreichen Verweisen zum Weiterlesen und Eintauchen in ihre Welt.

Eulenspiegel Verlag 2021

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle deine Website mit WordPress.com
Jetzt starten
%d Bloggern gefällt das: