„Das Jahr, in dem wir verschwanden“ von Tayari Jones

Ein Buch über kollektive Angst, das wie ein Young Adult beginnt und ganz allmählich Beklemmungen aufbaut. In drei Teilen aus drei unterschiedlichen Perspektiven erzählt Tayari Jones die wahre Geschichte eines Serienmordes an schwarzen Kindern im Atlanta der späten Siebziger Jahre. 

Es beginnt mit den Schwestern Tasha und DeShaun, die die Trennung ihrer Eltern verkraften müssen, während gleichzeitig im Fernsehen von einem Kindermörder berichtet wird. Zum Gefühl der Verlassenheit gesellt sich die Angst, die auf magische Weise ihren Vater wieder zurück ins Haus bringt. Im zweiten Teil verfolgen wir die Geschichte aus der Perspektive von Rodney, einem Klassenkameraden von Tasha, der seinen Vater fürchtet und nach schulischen Problemen von zu Hause wegläuft. Später kommt dann Octavia zu Wort, die die Situation treffend zusammenfasst: „Junge. Schwarz. Tot.“ Sie erhält die Chance auf ein besseres Leben, ein Hoffnungsschimmer in dieser furchteinflößenden Situation, den sie selbst zunächst nicht zu würdigen weiß. 

Aus kindlicher Perspektive mit passender, bildreicher Sprache und vielen Dialogen gelingt es der Autorin, die soziale Dynamik zwischen den Schülern und die Furcht, die über der Stadt liegt, spürbar zu machen. Aber es ist nicht einfach nur eine an Tatsachen angelehnte Geschichte. Was wie ein Jugendbuch daherkommt ist viel brisanter: 

Die Angst der schwarzen Community vor den Weißen, die hier im Serienmörder begründet liegt, wiederholt sich in den Ermahnungen der Eltern ihren Kindern gegenüber. Diese Angst vor dem mörderischen Potential der Weißen reicht tief, egal ob Serienmörder oder Bulle, denn die Pistolen sitzen locker bei weißen Polizisten. In unseren modernen Zeiten, wo schwarze Teenager erschossen werden, weil sie Hoodies tragen und rennen, ist die Analogie kaum zu übersehen.

Dabei erinnert das Buch auch ein wenig an Steven Kings Horrorroman „ES“, in dem in einer Kleinstadt Kinder verschwinden und von einem Monster getötet werden. Im Film gruselig durch das weiße Clownsgesicht dargestellt, entfaltet diese Angst vor dem Clown das größte Horrorpotential, ebenso wie hier die Angst vor dem unbekannten weißen Killer, der niemals in Erscheinung tritt.

So liest sich dieser Roman von Tayaria Jones in gelungener Umkehr des rassistischem Mottos “Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?“ als Horrorstory des weißen Rassismus, der für junge Schwarze noch immer lebensgefährlich sein kann.

Aus dem Amerikanischen von Britt Somann-Jung, Arche 2021

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle deine Website mit WordPress.com
Jetzt starten
%d Bloggern gefällt das: