„Ich bin dann mal bei mir“ von Verena Carl und Anne Otto

Der Titel ist grauenvoll und hatte mich eine Mischung aus Kalauern und Plattitüden im Susanne-Fröhlich-Stil befürchten lassen. Aber ich kenne die Schreibe von Verena Carl und mochte sie schon immer und wollte diesem Buch eine Chance geben. Ich wurde nicht enttäuscht.

Denn in einer Mischung aus Selbstversuchs-Protokoll und populärwissenschaftlichen Erläuterungen in Form eines Briefwechsels gelingt den Autorinnen beinahe eine Art Briefroman zum populären Thema der mentalen Gesundheit. Dabei gibt Verena Carl sehr persönlich und authentisch Einblicke in ihre Selbstversuche. Das geht über nahezu tiefenpsychologisch deutbare Meditationserfahrungen über wunderbare Bildbeschreibungen beim Museumsbesuch bis hin zur tiefgründigen Filmkritik.

Anne Otto liefert den wissenschaftlichen Background, Zitate und Empfehlungen, die sehr gut begründet erscheinen und extrem professionell rüberkommen. Schon eingangs weist sie beispielsweise darauf hin, dass Meditation manchmal überfordernd wirken kann und nicht immer der erste Schritt zur Selbstfürsorge sein muss. Weshalb man das Meditationskapitel womöglich etwas weiter hinten im Buch hätte positionieren können…

Ich muss zugeben, dass ich selbst schon viel zu diesem Thema weiß und mich dennoch nicht gelangweilt habe. Es ist einfach so gut geschrieben und macht Waldbaden, Kontaktfasten und Stand-UP-Paddling zu verlockenden Zeitvertreiben. Für alle, die noch immer auf einen Anlass warten, sich selbst mehr Zeit zu gönnen, um den eigenen Bedürfnissen auf die Schliche zu kommen: dieses Buch könnte der Anlass sein.

Es ist keine Anleitung zum täglichen Nachturnen, birgt keine Heilsversprechen und keinen Anspruch auf Vollständigkeit, aber es macht neugierig und nachsichtig mit sich selbst, zwei Eigenschaften, die das Leben definitiv verbessern.

Ob Meditation, Malerei oder Maschen – überall im Leben finden sich Verbündete, die das Leben entschleunigen und uns gelassener machen. Verena Carl und Anne Otto präsentieren sie in einem bunten Strauss warmherziger Kapitel, der frische Farbe in unser aller Alltag zaubern kann.

Beltz, 2021

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