„Der Mauersegler“ von Jasmin Schreiber

Ein wunderbares Buch! Eines, das von der Hybris der Menschen handelt, dem Hochmut eines Mediziners und seiner Flucht vor der Verantwortung. 

Marvin, der Prometheus genannt werden will, hat seinen kranken Freund Jacob auf dem Gewissen, als er ihn in einer Studie behandelte und ihren Misserfolg vertuschte. Jetzt ist Jakob tot und Prometheus versucht, mit dem Auto ins Meer zu fahren. Doch auch das misslingt, trotz BMW und Vierradantrieb und nur die knorrige Hand einer hexenhaften, alten Frau, die Kraft von Pferden und Natur ziehen ihn zurück ins Leben.

Er ist eine äußerst ambivalente Figur dieser Prometheus/Marvin, ein arrogantes Arschloch und doch ein treuer Freund. Ein Zocker und Blender, der im Innersten verzweifelt.

Doch die Natur-Kur in Dänemark, die braven Pferde, das einfach Leben, die mystischen, in seinen Augen durchgeknallten Rituale der beiden Frauen bringen ihn nach Wochen dazu, sich seiner Freundschaft zu erinnern und sich der Schuld zu stellen.

Mauersegler sind ihr Leben lang in der Luft, sie schlafen sogar im Fliegen. Und wenn sie einmal geschwächt landen müssen, dann kommen sie nicht mehr hoch und werden zur Jagdbeute von Füchsen und Katzen, das lernen wir ganz zu Beginn der Geschichte. Doch wird diese Aussage am Ende berichtigt: wenn er Hilfe bekommt und wieder zu Kräften kommt, dann gelingt es dem Mauersegler auch wieder, zu starten, sich wieder in die Lüfte zu erheben. Und dieser Starthilfe wohnen wir bei.

Jasmin Schreiber findet dabei überraschende Bilder und Worte und nicht selten wechselt sie die Perspektive, lässt die Natur sprechen, die Bäume, die Pilze, all die Lebewesen, die den Menschen umgeben, von ihm ignoriert werden und ihn dennoch beobachten, beurteilen, zuweilen auch fürchten- oder auch nicht. 

„Die Möwen rufen es vom Himmel, die Pilze erzählen es sich über Kilometer hinweg unter der Erdoberfläche. Seht euch die dünnen Zweiglein an, mit denen er die Axt hält, schaut die Schwäche seiner Wurzeln, schaut die viel zu dünne Rinde. Der soll uns gefährlich werden?, flüsterten die Bäume, niemals, niemals, nicht der, niemals“

Wie mickrig der Mensch im Vergleich zur Natur ist und wie sehr so ein Perspektivwechsel helfen kann, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen, führt uns die begabte Autorin in diesem großartigen,  tragikomischen Roman über Tod und Schuld, Trauer, Verantwortung und großartige Freundschaft vor. Sehr empfehlenswert!

Eichborn 2021

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