„Dunkelblum“ von Eva Menasse

Eine satirische, unterhaltsame Farce hat sie geschrieben, die Eva Menasse, die 1989 in einem fiktiven österreichischen Dorf an der ungarischen Grenze spielt und die Grenzöffnungen parallel zu einem Leichenfund und der Suche nach einem Massengrab vom Ende des zweiten Weltkriegs in Szene setzt.

„Es ist, als ob die Landschaft, die hier erst noch wie eine saftiggrün bestickte Samtborte aufgeschoppt und gekräuselt wurde, bevor sie abstürzt ins Flache, Gelbe und Endlose, sich grundsätzlich verwahrt gegen das Durchschautwerden. Und als ob das auch ihre Einwohner beträfe, die sich ähnlich disparat verhalten.“

Hier treffen Geschichten von Nazis und Russen und den sturen Österreichern, die den Mund nicht aufmachen, aufeinander. Eine Gruppe Studenten richtet den verkommenen jüdischen Friedhof wieder her, während der mysteriöse Knochenjäger aus Amerika sich als Jude aus Dunkelblum entpuppt, der damals nur knapp den Gefangenentransport überlebte und nun versucht, seine Retterinnen zu finden. 

Die alten Nazigeschichten verquicken sich mit lokalen Streitigkeiten um die Wasserwirtschaft, der Flüchtlingshilfe und den Nachforschungen einer Dokumentarfilmerin zu einem unglaublich schrägen Filz, in einem Ort, in dem jeder jeden kennt. Mit etwas Geduld und einem Text, den die Autorin mit wunderbaren mundartlichen Worten wie „Zniachterl“, “Grammeln“ oder „Pogatschen“ verziert, gelingt es schließlich, die Zusammenhänge zu entwirren.

Auf unnachahmlich eloquent-ironische Art wird die unverbesserliche Borniertheit, Fremdenfeindlichkeit und der Antisemitismus vorgeführt, die sich bis heute auf dem Land halten und der mangelhafte Umgang mit Verbrechen und Schuld verunsichert die geneigten Leser*innen, ob sie den hemdsärmeligen bäuerlichen Konservatismus witzig oder gruselig finden sollen. Vielschichtig und mit zahlreichen politischen Seitenhieben sowie reichlich Lokalkolorit wird dieser Roman zu einem unterhaltsamen Leseerlebnis, das nachdenklich stimmt.

Kiepenheuer&Witsch 2021

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