„Heiteres Wetter zur Hochzeit“ von Julia Strachey

Diese scharfzüngige Satire auf das bürgerliche Leben ist eine unterhaltsame Lektüre und für mich eine ganz besondere Entdeckung, da von Virginia Woolf gelobt und verlegt in ihrer Hogart-Press 1939. 

Etwas verwirrend ist diese quirlige Hochzeitsgesellschaft zunächst schon, die sich in den zwanziger Jahren im Haus von Mrs. Thatcham am Tag der Hochzeit ihrer ältesten Tochter Dolly versammelt. Die Stimmung ist angespannt bis ausgelassen, es kommt zu brüderlichen Rangeleien und unbegründeten Heiterkeitsanfällen.

Ich liebe die originell-ironische Beschreibung der Figuren, bald fühlt man sich umzingelt von der Frau mit dem „Gesicht, langgezogen wie ein Geigenbogen“, oder anderen, die grün oder violett sind oder „gelb und faltig wie eine Aprikose im Laden“, teils mit „einer Nase so lang wie die eines Ameisenbärs“. 

„Mein eigenes Ideal ist immer noch der gut gebaute, saubere englische Gentleman mit schmutziger Fantasie, und ich hoffe immer noch, so einer zu sein“, sagt Joseph, der Freund der Braut über sich, während diese sich im Ankleidezimmer betrinkt. Dass hier der Hase im Pfeffer liegt, oder präziser gesagt, die Schildkröte im Kohl, wird mit erstaunlichen Bildern in knappen Situationsskizzen dargelegt.

Die Braut pudert sich die vorwurfsvollen Wangen mit der Trägheit eines Elefanten, so liest man, und es schleicht sich die Ahnung ein, dass trotz des von Mrs. Thatcham wiederholt beschworenen heiteren Wetters dieser Tag für einige der Anwesenden alles andere ist als ein Freudentag.

Die Autorin Julia Strachey (1901-1979) modelte, zeichnete und schrieb und führte das Leben einer Bohemienne, hatte zahlreiche Liebhaber nach kurzer Ehe mit einem bisexuellen Bildhauer und einer kurzen Beziehung zur Malerin Dora Carrington.

Ihr Buch wurde vom Dörlemann Verlag wiederentdeckt und jetzt erstmals in der deutschen Übersetzung von Nicole Seifert aufgelegt.

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