„Blaue Frau“ von Antje Ravik Strubel

„Sie taucht ihre Hände ins Meer. Ihre Augen werden vom Licht auf dem Wasser erfasst, und als sie die Hände hebt, sieht es aus, als würde sie sich ihr Spiegelbild vom Gesicht waschen. Langsam sinkt es auf den Grund.“

Alina lebt in Helsinki in einer unscheinbaren, möblierten Wohnung und plant, eine Anzeige zu machen. Geflohen ist sie aus einem Provisorium ins Nächste, zuletzt hatte sie ein Art von Zuflucht bei Leonides gefunden, einem Diplomaten aus Tallin, der große blumig-optimistische Worte mit gespaltener Zunge sprach.

Sie flieht vor ihrer Vergangenheit, die sie aus Tschechien nach Deutschland brachte, in der sie einen sexuellen Übergriff überlebte, den niemand ihr glaubte, und den sie nun, anderthalb Jahre später, anzuzeigen bereits ist.

Furchterregend prosaisch dieser Abschnitt in einem Projekt in der Uckermark, wo sie es mit west-und ostdeutschen Investoren zu tun bekommt, die sie herablassend und übergriffig behandeln, ebenso wie auch die jungen Frauen aus Polen, die zum Putzen kommen und zum Feiern.

Neben der sexualisierten Gewalt, welche die Autorin indirekt und langsam einkreisend andeutet und erst allmählich zur Gewissheit werden lässt, geht es vor allem um Macht und Ohnmacht der europäischen Staaten. Um die Überlegenheit und Rücksichtslosigkeit Deutschlands, Russlands und der Welt angesichts der täglichen menschlichen Dramen, die sich im Kleinen abspielen. Und es geht um die Frage der Verantwortlichkeit, der Aufarbeitung oder Vertuschung von Unrecht.

Die kühle Prosa der Autorin nähert sich dem unscharfen Gefühl Alinas, eine zweite Person stecke hinter ihrer offensichtlichen äußeren Erscheinung, die sie vor sich und anderen versteckt. Nur die Fotografin Rickie ist ihr auf der Spur, stellt sie scharf und allmählich gewinnt Alina die Einsicht:

„Frauen machten das so, sie duschten mehrmals am Tag, auch wenn sie keine Frau ist. Aber das hat sie ihm nie gesagt, das konnte er nicht wissen, und ein Mann ist sie auch nicht, kleiner Mohikaner, denn solche Unterscheidungen trifft sie nicht, weil sie nichts taugen, unnütze Notwendigkeiten, die sich andere ausgedacht haben.“

Doch Alina ist keine Multiple Persönlichkeit, auch wenn sie mehrere Namen trägt wie Nina oder Sala, nur ein Mensch mit verschiedenen Facetten, von denen mal die eine, mal die andere die Oberhand hat.

Zwischendurch reflektiert eine Schriftstellerin diese Geschichte, tritt in einen Dialog mit der blauen Frau, die wie eine Erscheinung etwas magisch Verwunschenes in dieses nordisch- kühle Werk bringt. Dass sie die Überlebende ist, die diese Geschichte erzählt ist der einzige Trost, den man aus diesem anspruchsvollen, bewegenden Buch ziehen kann.

„Sie hält es für möglich, dass Menschen ihre Energie manchmal auf etwas Ersehntes hin so ausrichten, dass es in Erscheinung tritt.“

Sehr empfehlenswerte, aber keine leichte Lektüre!

S.Fischerverlage 2021

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