„Der James Joyce-Mord“ von Amanda Cross

Der zweite Fall der Literaturprofessorin Kate Fansler aus der Feder von Amanda Cross alias Prof. Carolyn Gold Heilbrun, der 1967 erschien und nun neu im Dörlemannverlag aufgelegt wird, ist wieder ein köstliches Vergnügen.

Wer allerdings einen traditionellen Krimi erwartet, wird aufs Gröbste enttäuscht, obwohl es eine Leiche gibt und ein altes, abgefeuertes Gewehr, unzählige Verdächtige und sogar zwei Polizisten. Diese spielen nur eine Nebenrolle, denn anstatt komplexer Polizeiarbeit folgt man den unterhaltsamen Dialogen und Vermutungen der Literaturprofessorin. Diese hat sich aufs Land in das Haus des verstorbenen Verlegers von James Joyce zurückgezogen, um gemeinsam mit einem Assistenten die Briefe des Verstorbenen, insbesondere die Korrespondenz mit Joyce, zu sichten. Nicht verwunderlich, dass einige der Personen, denen sie begegnet, nach Figuren aus Joyces „Ulysses“ benannte sind: Mr. Artifoni, der Jugendgruppenleiter und Molly, eine hilfreiche junge Frau. Kate Fansler ist in Begleitung ihres Neffens und dessen Hauslehrers und wird besucht von ihrem Freund, dem Staatsanwalt Reed.

Als eine bösartige Frau aus dem Dorf aus Versehen vom Hauslehrer vor den Augen des Neffen erschossen wird, geraten nicht nur alle Hausbewohner sondern auch ein Nachbar, ebenfalls Literaturprofessor sowie zwei zu Besuch anreisende weitere Professorinnen der englischen Literatur unterschiedlicher Epochen ins Visier der Polizei. 

„Das moderne Freud-Kauderwelsch hat uns eine solche Angst davor eingejagt, als penisneidische Frauen zu erscheinen, dass wir es nicht einmal mehr wagen, einem Jungen ein Gewehr wegzunehmen.“

Dass es bei solch geballter intellektueller Exzellenz jemals langweilig wird, können nur diejenigen behaupten, die blutrünstige Page-Turner bevorzugen. Ich jedenfalls genieße es, Virginia Woolf-Zitate in verbalem Schlagabtausch integriert zu sehen und Kate Fanslers Tiraden zuzuhören.

„Mir sind Schriftstellerinnen wirklich lieber; ihre Weisheit ist irgendwie destilliert durch die Klarheit ihrer Wahrnehmung.“

Bösartige Zungen würden die Professorin womöglich ein literarisches Tratsch-Weib nennen, alle anderen mit Sinn für Humor und offenem Ohr für literarisches Name-Droppping und Zitate aller Art werden ein großes Vergnügen an ihrer manierierten Art haben. 

Sehr unterhaltsam ist auch, wie das Zeitkolorit der Sechziger Jahre in Frauenbild, Redewendungen, Bemerkungen und den Anspielungen auf die Sexuelle Revolution mitschwingt. 

„Ich schätze nach wie vor Höflichkeit, vielleicht sogar eine gewisse Förmlichkeit. Aber ich glaube auch, wie sich irgendein gelehrtes Haus mal ausgedrückt hat, dass das einzige Verbrechen, das es beim Sex geben kann, Mangel an Vergnügen ist.“

Ein großartiges, sprühendes und sehr unterhaltsames, wenngleich nicht atemberaubend spannendes Buch!

Aus dem Amerikanischen von Monika Blaich und Klaus Kamberger, Dörlemann 2021

P.s. Wer antiquarische Ausgaben von Amanda Cross gelesen hat: dieser Titel lief 1989 unter dem Titel „In besten Kreisen“ bei Eichborn!

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