„Kim Jiyoung, geboren 1982“ von Nam-Joo Cho

Die Autorin erzählt auf lakonische Art und Weise die Geschichte von Kim Jiyoung, die nach der Geburt ihrer Tochter allmählich den Verstand verliert. 

Es ist die Geschichte aller koreanischer Frauen, die beispielhaft auch als Mutter und Großmutter der Hauptprotagonistin auftauchen. In dieser fiktiven Erzählung werden immer wieder reelle Zahlen und Fakten genannt, die ihr eine beinahe journalistische Anmutung verleihen.

Es werden Aussagen zitiert, die uns darüber aufklären, dass aufgrund des Familienplanungsgesetzes auch in Korea viele weibliche Embryonen abgetrieben werden, weil Jungen der Gesellschaft wertvoller sind. Sie werden schon in der Kindheit bevorzugt, erhalten beispielsweise mehr und besseres Essen. Später werden sie auf die Universitäten geschickt und die Schwestern müssen arbeiten, um das Geld für die Ausbildung der Brüder aufzubringen. Als Ehefrauen und Mütter bleibt die Kindererziehung an den Frauen allein hängen und um dazu zu verdienen, führen sie niedere und eintönige Tätigkeiten in Heimarbeit aus. Im Vergleich mit ihren männlichen Kollegen verdienen sie nur 64% des Gehalts. Ihr ganzes Leben verbringen sie damit, anderen zu dienen. Niemand käme auf die Idee, zu fragen, was sie selbst eigentlich wollen.

Kim Jiyoung hat glücklicherweise die Unterstützung ihrer Mutter, die selber zurückstecken musste. Aber sie leidet sehr unter der systematischen und sexuellen Diskriminierung an ihrem Arbeitsplatz. Und sie ist sich der Ungleichbehandlung schmerzhaft bewusst. Als sie heiratet, muss sie mit ihrem Mann die gemeinsame Zukunft und die Frage nach Kindern besprechen.

„Ich werde vielleicht alles verlieren, meine Jugend, meine Gesundheit, mein soziales Umfeld genauso wie meine Arbeitsstelle, meine Kollegen, meine Freunde, meine Zukunft, ja alles. Aber was verlierst du?“

Als dann ihre Tochter geboren, ist wundert sie sich:

„Mich unterstützen, im Haushalt, bei der Kindererziehung. Ist das nicht selbstverständlich? Ist das nicht auch deine Wohnung? Ist das nicht auch dein Kind? Wenn ich arbeite, kann ich ganz allein über meinen Verdienst verfügen? Warum sprichst du von Unterstützung und tust so, als wäre es eine Gunst, dass du hilfst?“

Nam-Joo Cho gelingt es, durch die chronologische Aufzeichnung aller Widerstände und Belastungen im Leben einer Frau zusammen mit der Dokumentation der noch herrschenden Ungleichheit, den Zusammenbruch von Kim Jiyoung nachvollziehbar und ihre Verzweiflung verständlich zu machen, ohne larmoyant oder gar hysterisch zu wirken. Genau deshalb wirkt dieses Buch so eindringlich nach. Zudem wird bei der Lektüre jeder Frau bewusst, dass selbst in unserer aufgeklärten Gesellschaft viele diskriminierende Verhaltensweisen bei der Wahl des Familiennamens, der Verteilung der Hausarbeit und beruflicher Förderung noch tief verwurzelt sind. Und das ist doch wirklich zum Verrücktwerden!

Aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee, Kiepenheuer& Witsch 2021

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