„Lolly Willowes“ von Sylvia Townsend Warner

In diesem ruhigen Roman formuliert Sylvia Townsend Warner (1893-1978) eine ebenso magische wie radikale Emanzipationsgeschichte am Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts. Sie war eine Zeitgenössin Virginia Woolfs und lebte ab 1930 mit der Lyrikerin und Liebe ihres Lebens Valentine Ackland zusammen. In diesem ihrem Debüt verfolgen wir, angeleitet von wunderbaren Naturbeschreibungen und sarkastischen kleinen Seitenhieben, die Entwicklung der Laura Willows von der unentbehrlichen „Tante Lolly“ zur Hexe.

Zunächst lebt sie nach dem Tod ihres Vaters im Haushalt des älteren Bruders und seiner patenten und streng gläubigen Ehefrau. Sie wird als Tante Lolly zu einer unentbehrlichen familiären Größe, erlebt den ersten Weltkrieg und das Heranwachsen der Neffen und Nichten, bis sie eines Tages genug davon hat. 

„Da sind sie, ziehen Kinder groß, führen den Haushalt, hängen die ausgewaschenen Geschirrtücher über Johannisbeerbüsche; und zur Ablenkung nur die eigenen dummen Gespräche oder das Zuhören, wenn die Männer reden.“

Der Besuch in einem Hofladen wird so etwas wie ein Erweckungserlebnis für sie, eine Sehnsucht „wie die Last reifer Früchte auf einem Baum“ erfüllt sie, die auch mit Lilien im Winter, riesigen Chrysanthemsträußen und Marons glacées nicht zu stillen ist. Sie, die immer nur für andere da war, erfüllt sich ihren Traum und zieht aufs Land, allein und unbegleitet, da dies mit Ende 40 nicht mehr unschicklich für eine Damen ihres Alters ist. Entsetzt muss sie feststellen, dass ihr Bruder mit ihrem Erbe spekuliert und die Hälfte ihres Geldes durchgebracht hat, ohne auch nur im Entferntesten ein schlechtes Gewissen zu haben. Doch auch dieser Rückschlag kann sie nicht aufhalten, sie wird Untermieterin bei Mrs. Leak im kleinen Ort Great Mop.

Der Ort ist bevölkert von zwei alten Schreckschrauben, einem Ziegenbockartigen Pfarrer und seinem dämonischen Sekretär, der Schneiderin mit dem zahmen Igel und dem Hühnerzüchtenden, jungen Mr. Saunters. Zunächst scheint sie eine Außenseiterin zu bleiben und findet ihre innere Ausgeglichenheit auf langen Spaziergängen, in Zwiesprache mit der Natur. Doch nach einer Begegnung mit dem „liebevollen Jägersmann“, wie der Teufel auch genannt wird, spürt sie ihre innere Unabhängigkeit magisch wachsen, eine Sehnsucht nach etwas Dunklem „etwas wie heidnisches Geweihtsein“ und wird in die Dorfgemeinschaft aufgenommen.

Die Geschichte lässt lange offen, ob die Gestalt des Teufels real oder eine Interpretation Lauras ist, doch letztendlich bedeutet die Konversion zur Hexe nichts anderes, als eine radikale Abkehr von allen, an eine fromme Frau gestellten, gesellschaftlichen Erwartungen. Allein und finanziell unabhängig zu leben, unbegleitet im Wald spazieren zu gehen, nach dem eigenen Willen zu handeln, im Freien zu übernachten sind einige dieser teuflischen Verhaltensweisen. Wenn sie dafür einen Handel mit Belzebub eingehen muss, seinem „Blick ohne Begehren und ohne Wertung“ begegnend, dann tut Laura das ohne zu zögern.

Nicht von ungefähr wurden unabhängige, selbstständig denkende, gebildete oder weise Frauen traditionell als Hexen gebrandmarkt und verfolgt. Neu und radikal an diesem Buch erscheint mir die Freude, mit der sich die Protagonistin auf diese Etikettierung einlässt: Neugierig, furchtsam und letztlich doch überglücklich, endlich so zu sein, wie sie will.

Übersetzt aus dem Englischen von Ann Anders, Dörlemannverlag, 2020.

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