„Normale Menschen“ von Sally Rooney

Sally Rooneys neues Buch ist eine ziemlich ungewöhnliche Liebesgeschichte. Anhand der Beziehung von Marianne und Connell wird die Unmöglichkeit durchexerziert, einen anderen Menschen wirklich und wahrhaftig zu kennen, zu begreifen und zu verstehen. Gleichzeitig wird die Frage verhandelt, wie Gewalterfahrungen in der Kindheit  Menschen und ihre Art zu lieben verändern und aufgezeigt, wie komplex alle Formen von sozialer Interaktion, von Liebesbeziehungen ganz zu schweigen, sind.

Marianne kommt aus einer wohlhabenden, wenngleich zerrütteten Familie, wohingegen Connell Sohn ihrer alleinerziehenden Putzfrau ist. Sie besuchen dieselbe Schule und ihre sich entspinnende Beziehung verheimlicht Connell, der sportlich und beliebt ist, da er sich für Marianne schämt. Hier wird bereits das Muster deutlich, das sich durch den gesamten Roman zieht: Connell hat die Macht über Marianne und ihre Beziehung, letztendlich unterwirft er sich aber der sozialen Kontrolle der Gesellschaft, d.h. seiner Peer-Group aus Mitschülern und versteckt Marianne. Die Gewissensbisse ignoriert er gekonnt.

Später an der Uni verändert sich die Situation, Marianne ist beliebt, Connell hat Schwierigkeiten, Freunde zu finden und obwohl sie keine feste Beziehung führen, sehen sie sich immer wieder, fühlen sich zueinander hingezogen durch ein magnetisches Gefühl, dass sie abwechselnd als Liebe erkennen. Dabei entwickeln sie sich weiter voneinander weg, Connell sucht beständige, gute Beziehungen, Marianne geht einige gewalttätige Verbindungen ein. Aufgrund schlechter Kommunikation kommt es zu Missverständnissen zwischen Connell und Marianne, die sich nachhaltig auf ihre Leben und ihre Entscheidungen auswirken.

„In der Schule hatten die Jungs versucht, sie mit Grausamkeit und Verachtung zu brechen, und an der Uni hatten die Männer es mit Sex und Popularität versucht, alle mit demselben Ziel, etwas Starkes in ihrer Persönlichkeit zu unterwerfen.“

Sally Rooney schafft es, die Verwirrung und die Unsicherheit junger Menschen zu beschreiben, die sich selbst und andere kennenlernen und sich immer wieder in neuen sozialen Umfeldern zurecht finden müssen. Es wird deutlich, dass Machtkämpfe allgegenwärtig in Gruppen und Beziehungen stattfinden, sei es in Form von Gruppenhierarchie, Beliebtheit, zwischenmenschlicher Nähe, Gewalt, Demütigung oder persönlicher Abwertung.

Das Bestreben, „normal“ zu sein, das heißt an die jeweilige Gruppe angepasst, wird erkannt als die Triebfeder von Mobbing und Duldung, führt zur Gratwanderung zwischen Dominanz und Unterwerfung. Sich dadurch nicht als Opfer oder auch als Täter korrumpieren zu lassen, eine bewusste, „positive“ Dominanz auszuüben (Connell) oder anderen trotz Minderwertigkeitsgefühl helfen zu können (Marianne), zeigt in diesem ungewöhnlich psychologischen Roman die gelungene Entwicklung der Protagonisten und ist ein kleiner Sieg des Happy Ends.

Übersetzt von Zoe Beck ; Luchterhand, 2020

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