„Brüste und Eier“ von Mieko Kawakami

Ein interessanter Roman über das Körper/Geist Problem aus zwingend weiblicher Perspektive, der seine Radikalität erst bei genauerem Hinsehen offenbart!

In schlichtem Erzählstil führt uns die Autorin in die Welt der Frauen Japans ein. Diese unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht sehr von dem Leben in unseren Breitengraden. Frauen heiraten, kümmern sich um die Eltern und übernehmen die Kinder nach einer Trennung.

Die Schwestern Natsuko und Makiko diskutieren im ersten Teil des Buches über die Lebensläufe von Bekannten, Vor- und Nachteile von Brust-Op und Mutterschaft, während sich Makikos zwölfjährige Tochter Midoriko ganz unmittelbar mit ihren pubertätsbedingten, körperlichen Veränderungen und den aufkommenden Erwartungen an sie als Frau beschäftigt. In ihrem Tagebuch hadert sie mit der biologischen Ungleichheit von Mann und Frau, den Belastungen, welche die monatliche Menstruation sowie Schwanger- und Mutterschaft den Frauen brächten, von denen die Männer gänzlich verschont blieben. Auch die Stellung der Frau im Buddhismus lernen wir aus ihren Tagebüchern kennen und ihre Diskriminierung in dieser Religion. Denn die Buddhaschaft werden sie nie erreichen, es sei denn, Frauen würden als Männer wiedergeboren. Dieser Teil des Romans erschien mir durch die erklärenden Tagebucheinträge reichlich konstruiert, sie wirkten wenig subtil, wie ein thematischer Wink mit dem Betonpfahl.

Im zweiten Teil des Buches nehmen wir an Natsukos Leben zehn Jahre später teil. Sie ist veröffentlichte Autorin, 38, ledig, hat einen Kinderwunsch und eine Schreibblockade, weil sie unaufhörlich über das eigene Leben und das anderer Frauen nachdenkt: ob sie verheiratet, getrennt oder liiert sind, Kinder haben, oder nicht, Familie haben oder nicht. Zudem zieht sie für sich die Möglichkeit einer Samenspende in Betracht, was überwiegend negative Reaktionen hervorruft.

Wer ist sie, fragt sie sich, wenn sie weder Mann hat, noch Kind, noch Schwiegerfamilie? Die langatmige Identitätssuche und das Ringen um die Hoheit über ihre eigene Fruchtbarkeit machen der Autorin sehr zu schaffen und die Längen, die der Roman immer wieder aufweist, transportieren diese Lähmung ziemlich präzise. Natsuko kann ihren Roman nicht abschließen und findet auch in den Lebensentwürfen ihrer Bekannten kein für sie taugliches Modell.

Mir hat der Roman trotz der formalen Kritikpunkte thematisch doch gefallen!

Interessant finde ich besonders die überzeugte Asexualität der Protagonistin. Denn indem Sex hier kein Thema ist, fokussiert der Schwerpunkt des Romans eindeutig die biologischen und sozialen Implikationen, die der weibliche Körper in einer patriarchalen Gesellschaft mit sich bringt. Wenn du nicht für Sex zur Verfügung stehst, darfst du auch kein Kind haben, scheinen die Gesetzgeber im Hintergrund zu höhnen und berauben Natsuko und alle alleinstehenden Frauen damit ihrer womöglich am meisten beneideten Potenz und größten Macht: der Fruchtbarkeit.

Der weibliche Körper ist aber nicht nur unterworfene, schöpferische Macht, sondern auch Gefängnis der Individualität, da verantwortlich für ein großes Missverständnis: Weil Frauen über ihren Körper definiert werden und über die gleichen primären und sekundären Geschlechtsmerkmale verfügen, sollen sie auch geistig gleichzusetzen sein? Dass es DAS weibliche Denken nicht gibt, wird Natsuko mehr und mehr klar.

„Wenn einer sagt:‘du hast doch den Körper einer Frau‘ , dann sage ich Ja, aber wenn einer fragt, ob ich wie eine Frau denke und fühle, dann fällt es mir nicht leicht, Ja zu sagen. Was soll das eigentlich heißen: ‚denken wie eine Frau’?“

Männer als echte Partner tauchen in dieser Geschichte gar nicht auf. Dass der einzige Mann im Buch „Opfer“ und Produkt einer Samenspende ist, deutet an, wie zerrüttet die Beziehungen zwischen Männern und Frauen in Japan sind. Nicht als Person, sondern in ihren Funktionen als Sexualpartnerin oder als Putzfrau und Pflegerin von Eltern und Schwiegereltern fühlen sich die Frauen hier wahrgenommen. Der Mann soll Kinder zeugen und Geld verdienen, und wenn nicht, hat man ihn trotzdem zu respektieren.

„Wer braucht schon einen Mann? Das was uns Frauen bewegt, wirklich bewegt, können Männer nicht verstehen“, legt die Autorin einer ihrer Figuren in den Mund und offenbart eine schonungslose, desillusionierte Sicht auf die heterosexuellen Beziehungen. Sie reduziert damit den relevanten Beitrag eines Mannes zu einem erfüllten Frauenleben auf sein Sperma.

Ob dies ein allein japanisches Phänomen ist, oder ob auch hierzulande unter der emanzipierten Oberfläche ähnliche Fallstricke aus gesellschaftlichen, männlichen oder familiären Erwartungen lauern, die zu umgehen jede Frau auf sich selbst zurück wirft, muss die Leserin für sich selbst entscheiden.

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